Rezension


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Gisela Matthiae: Wo der Glaube ist, da ist auch Lachen – Mit Clownerie zur Glaubensfreude
Kreuz-Verlag, Stuttgart 2013, ISBN 978-3-451-61176-6, 223 Seiten

Gisela Matthiae: Clownin Gott – Eine feministische Dekonstruktion des Göttlichen
Kohlhammer-Verlag, Stuttgart 1999, ISBN 978-3-17-017252-4, 320 Seiten

Von Christoph Müller

«Anders von Gott reden, mit dem Unmöglichen rechnen und dabei die Kraft in der Schwachheit spüren, aus den Rollen fallen und neue Geschlechtermuster entwerfen …». Mit programmatischen Worten begründet die evangelische Theologin und Clownin Gisela Matthiae ihren Brückenschlag von Clownerie und Theologie. Sie macht noch mehr. Matthiae setzt Konstruktives und Optimismus in ihrem Buch «Wo der Glaube ist, da ist auch Lachen» dem Ernst[1] des Alltags entgegen. Sie geht sogar so weit, dass sie den Humor zu einem Synonym für den Glauben macht.
[1] Ich meine genauer den Überernst und gerade nicht den Ernst!

Vielen Zeitgenossen wird es auf den ersten Blick schwer fallen, bei den Ideen von Gisela Matthiae mitzugehen. Schließlich sind Glaube und Religiösität keine Lebenspraktiken, die gesellschaftlich Anerkennung haben. Umso notwendiger ist das Buch «Wo der Glaube ist, da ist auch Lachen». Denn mit der Clownerie nimmt sich Matthiae nicht nur die Freiheit, der Gegenwart den Spiegel vorzuhalten. Sie nimmt sich auch die Freiheit, Theologie auf eine ungewöhnliche Weise zu betreiben: «Ich nehme mir die Freiheit, eigenständig theologisch zu denken und zu experimentieren, meinen eigenen Erfahrungen zu trauen, auch den Fragen und Zweifeln. Ich habe Komik in biblischen Texten entdeckt, ich staune über das Unglaubliche ihrer Zumutungen, den Mut und über die Ausreden ihrer mitunter auch komischen Helden.» (11)
Ach wären doch mehr Theologinnen und Theologen so gepolt, dass sie ihr Denken und ihr Handeln einmal gegen den Strich bürsten. Diese Freude am Unkoventionellen macht das Lesen des Buchs zu einem wahren Vergnügen. Denn so wie Matthiae ihr Buch schreibt, wirkt ihr Denken nicht aufgesetzt. Es wirkt nicht künstlich, wenn sie einmal mehr die Vertikale in die Horizontale kippen will, um ganz im Hier und Jetzt anzukommen. So verbleibt Matthiae nicht darin, das Lachen und den Humor als intellektuelles Phänomen zu erklären. Durch das ganze Buch hindurch muss sich der Leser den Übungen öffnen, die den Hang zum Rationalen ganz schnell in eine Aktion des Emotionalen wandeln. Als «clowneske Reiseapotheke» bezeichnet sie dies unter anderem.

Ein Ausflug in den Leichtsinn ist das Buch «Wo der Glaube ist, da ist auch Lachen» sicher nicht. Vielmehr geht der Leser auf Tuchfühlung mit der Leichtigkeit. Theologische Fragen werden mit Leichtigkeit angegangen, die Schwere wird ihnen genommen, ohne die Ernsthaftigkeit zu nehmen. So hat es noch niemals jemand geschafft, die rote Nase als Navigationshilfe im Alltag anzusehen.

Exegetische Fragen spricht sie an. Auch das historische Verhältnis des Glaubens zum Humor kommt zur Sprache. Sie lässt sich bei den theologischen Überlegungen hinreißen zu behaupten, Clowninnen und Clowns würden es möglicherweise durch das legendäre Nadelöhr schaffen. Wieso ? Weil der Humor in den Augen Matthiaes viel mit Selbstdistanzierung zu tun habe und es ermögliche, immer wieder einen neuen Anfang machen zu dürfen.

Nehmen Sie die Einladung Gisela Matthiaes an. Ihr Miteinander von Glauben und Lachen macht den Glauben handfester, das Lachen hintersinniger. Vielleicht finden Sie in diesem Zusammenhang wieder ein Stück zur eigenen Religiösität zurück.

Einen wissenschaftlichen Zugang zum Thema ermöglicht das Buch «Clownin Gott». Es ist die Doktorarbeit der Pfarrerin und Theologin Matthiae. Mit Gottesbildern beschäftigt sie sich. Sie wagt einen spezifisch weiblichen Blick auf die Gottesbilder. Sie versucht aber auch einen anderen Blick. Wenn sie über Narrenmessen schreibt, die im Mittelalter gepflegt wurden, stellt sie fest: «Der Kult braucht einen Gegen-Kult, um nicht irgendwann mit bloßer Selbstdarstellung zu enden und seine Kraft zu verlieren.» (270) Mit dem geschichtlichen Blick schlussfolgert sie: «Die Clowneske oder das Narrentum hat sich in unterschiedlichen Formen dennoch immer wieder und immer noch Funktionalisierungen, Totalitarismen und Herrschaftsmechanismen entgegengestellt. Das Prinzip der Spiegelung des Konventionellen, des Beharrens auf dem Augenblick und der Lust ist offensichtlich in keiner Gesellschaftsform auszurotten.» (272)

Als sie die Lupe auf die Geschlechtsspezifik legt,zeigt Gisela Matthiae auf, dass Frauen nicht nur nicht hässlich sein dürften, sie dürften auch nicht komisch sein. Dem setzt sie das eigene Engagement entgegen und erinnert an die Schweizer Clownin Gardi Hutter. Hutter sprenge gerade in ihrer Clownsrolle Geschlechterklischees und mache sich selbst zu einem Subjekt des Humor. Es ist immer noch etwas Besonderes, wenn Frauen sich komisch präsentieren, Witze machen und definieren, was sie unter Humor verstehen.

Was das Buch «Clownin Gott» im besonderen und die Theologin und Clownin Gisela Matthiae in besonderer Weise leistet, ist das Beharren auf dem Dynamischen und dem Spielerischen. Die Clownin ist für Matthiae das Sinnbild. Dass sie damit sowohl der Clownerie, als auch der Religion einen hilfreichen Dienst erweist, versteht sich von selbst. Ich bin gespannt, ob sie noch mehr Freude am Stolpern empfinden wird und es verschriftlichen wird. Ich wäre neugierig darauf.